Fachkräftemangel und Demografie

Kann wirklich jede altersbedingt freiwerdende Stelle in Zeiten des demografischen Wandels wieder mit einer jüngeren Fachkraft besetzt werden – so wie es der VRS in seinem normativen Szenario annimmt.
Fakt ist: Im Jahr 2019 betrug die Zahl der Erwerbspersonen in Deutschland 43,6 Millionen. Von Anfang der 1990er Jahre bis Anfang der 2020er Jahre profitiert Deutschland von einer sogenannten demografischen Dividende. Je nach gewählten Annahmen (Renteneintrittsalter, Zahl der berufstätigen Frauen …) wird die Erwerbspersonenzahl in den nächsten 15 Jahren um etwa 3,7 bis 5,1 Millio- nen sinken. Dabei wird es regional starke Schwankungen geben.
Das Statistische Bundesamt ermittelt über 6 Szenarien die Bandbreite der möglichen Zahl der Erwerbstätigen in ihrer Studie „Erwerbspersonenvorausberechnung 2020“:

Danach geht die Zahl der Erwerbspersonen in West-Deutschland von 33,7 Mio. in 2019 bis auf 29 Mio Personen im Jahr 2040 im schlimmsten Fall zurück.
Die Daten der jüngsten KoFA Studie5 aus 02/2023 belegt die bereits jetzt rasant anwachsende Fachkräftelücke zu einem Zeitpunkt, wo der massive Schub der aus dem Erwerbsleben ausscheidenden Baby-Boomer, der ab 2025 zu erwarten ist, noch aussteht.

Schaut man in die BBSR Erwerbspersonenprognose 20406, so wird deutlich, dass die Annahmen des VRS bzw. EMPIRICA keinen Bezug zur Realität haben. Auch in strukturstarken Regionen wie die Region Stuttgart wird mit dem fortschreitenden demografischen Wandel grundsätzlich nur ein kleinerer Anteil der altersbedingt freiwerdenden Stellen durch jüngere Erwerbspersonen ersetzt werden.

Das ist nicht verwunderlich, weil nach der Erwerbstätigenprognose in der BBSR Raumordnungsprog- nose 2040 nur für die Region Stuttgart eine leichte Zunahme an Erwerbstätigen bis 2040 zu verzeichnen ist, während in allen anderen Regionen in Baden-Württemberg ein merklicher Rückgang erwartet wird. Die leichte Zunahme der Erwerbstätigen bis 2040 ist durch die größere Zahl erwerbstätiger Frauen zurückzuführen (+3,2%), während die Zahl der erwerbstätigen Männer mit -1,2% rückläufig ist. Es sind also nicht unbedingt jüngere Erwerbstätige, sondern vermehrt Frauen, die in die Erwerbstätigkeit einsteigen. Aus dieser Dynamik kann also nicht geschlossen werden, dass damit ein verstärkter Zuzug in die Region Stuttgart verbunden ist, der dann mit mehr Wohnraumbedarf verknüpft ist.
Anders sieht es EMPIRICA. Sie geht von der Hypothese aus:
Die Erweiterung des Wohnungsangebotes in der Region Stuttgart – insbesondere in Herrenbergsteuert den negativen Auswirkungen des Fachkräftemangels auf die regionale Wirtschaft entgegen. Weil mehr Wohnraum gleichbedeutend sei, dass das Wohnen günstiger werden wird. Das breitere Wohnraumangebot würde die wenigen Fachkräfte in Deutschland in die Region Stuttgart ziehen.
Damit ließen sich nach der gutachterlichen Stellungnahme von EMPIRICA zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: die Preise für Wohnen fallen und gleichzeitig wird die regionale Wirtschaft gestärkt, da der Fachkräftemangel gemindert werde.
Fakt ist: Die Zahl der Erwerbstätigen wird bundesweit dramatisch abnehmen:

In der Konsequenz gehen die Wirtschaftsverbände – hier die IHK Region Stuttgart – von einem erheblichen Fachkräftemangel aus, wenn die Generation der Baby-Boomer in den kommenden Jahren in den Ruhestand geht.

Quelle: https://www.fachkraeftemonitoring-bw.de/fachkraeftemonitor.html#3ldX4EF
Berechnungsstand: März 2022 – Datenquellen: u.a. Statistisches Landesamt Baden-Württemberg 2021, Destatis 2021, BA 2021, IHKs 2021
Impressum – Berechnung: WifOR 2009-2022 – Technische Umsetzung: Ludwig Meysel, Technische Betreuung: DT Media Group – mögliche Abweichungen der Summe sind rundungsbedingt

Dass mit einem vermehrten Wohnraumangebot dieser wirtschaftsschädlichen Entwicklung begegnet werden kann, thematisiert die IHK Region Stuttgart nicht. Der Grund dafür liegt nahe: es gibt keine Region in Deutschland mit einem Überschuss an Fachkräften, der mit einem erhöhten und damit preisgünstigeren Wohnangebot als andernorts in die Region Stuttgart gelockt werden könnte. Schließlich findet im ganzen Bundesgebiet der demografische Wandel statt. Woher sollen die in die Region Stuttgart strömenden Fachkräfte kommen, ohne andere Wirtschaftsräume zu entvölkern.

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5 https://www.kofa.de/daten-und-fakten/studien/jahresrueckblick-2022/

6 https://www.demografie-portal.de/DE/Publikationen/2021/raumordnungsprognose-2040- erwerbspersonenprognose.pdf;jsessionid=30E69D010F1F51B8A5DC45AF75E60884.intranet242?  blob=publicationFile&v=5

 

Autorin: Dr. Heike Voelker